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Was ist Aggression?

„Sitz, Platz, Aus – das kleine Einmaleins“

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Artikel von
Expertenteam

Was ist Aggression?

Nie Knurren oder Zähne zeigen dürfen? Dieses Erziehungsziel ist nicht realistisch.

 Aggressionsverhalten gehört zu dem normalen Verhaltensrepertoires eines jeden Hundes.

 

Was ist Aggression eigentlich?

Es dient der räumlich-zeitlichen Distanzierung von Gefahren/Bedrohungen, die von Angehörigen der eigenen oder einer fremden Spezies ausgehen können. In diesem Sinne ist die häufige Motivation zu aggressiven Handlungen beim Hund der Zustand der Furcht oder Angst.

Aggressionsverhalten dient der Steigerung der individuellen Fitness, besonders im Konflikt um Ressourcen. Hier ist die körperliche Unversehrtheit als eine der wichtigsten Ressourcen einzuordnen. Im oben genannten Sinne ist Aggressionsverhalten eine Anpassung an individuelle Umweltsituationen.

Aggressivität ist das Maß für die Angriffsbereitschaft eines Hundes.

Zitiert: Dr. Barbara Schöning, Fachtierärztin für Verhaltenskunde und Tierschutz

Was gehört zum Aggressionsverhalten?

Zum Aggressionsverhalten gehören die folgenden Verhaltensweisen: Knurren, Bellen, Knurrbellen, Fauchen, Nasenrückenrunzeln, Zähne blecken, Vorwärtsintention gegen den Kontrahenten, Beißen, Schnappen. Die Verhaltensweisen als solche sind genetisch fixiert (=angeboren).

Zitiert: Dr. Barbara Schöning, Fachtierärztin für Verhaltenskunde und Tierschutz

Ist Aggressionsverhalten trainierbar?

Aggression ist genetisch fixiert, aber im weitaus geringeren Maße festgelegt, ist die Art und Weise, wie und in welchen Situationen diese Verhaltensweisen wann vom Hund gezeigt werden.

Hier spielen individuelle Erfahrungen des Hundes eine Rolle: Aggressionsbereitschaft ist durch diverse Umwelteinflüsse und auch gezieltes Training veränderbar. Genetische Komponenten spielen zwar eine Rolle in der Ausprägung individueller Verhaltensvariationen innerhalb eines Handlungsrepertoires …– sie sind aber eher als ein Angebot an die Umwelt zu betrachten, welches dann durch Lernen/Umwelterfahrungen massiv geformt und unter Umständen auch  später im Leben des Hundes noch verändert werden kann.

Zitiert: Dr. Barbara Schöning, Fachtierärztin für Verhaltenskunde und Tierschutz

Sind manche Rassen aggressiver als andere?

Die Rasse ist nur ein Faktor unter vielen, dass zeigt eine großangelegte Studie der Universität Bristol.

4.000 britische Hundehalter wurden von Wissenschaftlern zum Thema Aggression befragt.

Die wichtigsten Ergebnisse auf einen Blick:

3% aller Hundehalter berichteten von Aggression gegen Familienmitglieder, 5% gegen Fremde (nur sehr wenige Hunde reagierten auf Fremde und Familienmitglieder). Daraus schließen die Wissenschaftler, dass Aggression erlerntes Verhalten auf bestimmte Situationen ist und man Hunde nicht generell in aggressiv – bzw. nicht aggressiv einteilen kann.

Faktoren, die das Verhalten beeinflusst haben waren:

·         Besuch einer Welpen-gruppe und/oder Hundeschule (reduzierte das Risiko)

·         Hormonstatus (kastrierte Hündinnen hatten weniger Probleme)

·         Alter und Geschlecht des Besitzers (ältere und weibliche Hundehalter hatten weniger Probleme)

·         Rasse des Hundes (Jagd- und Schutzhunde waren auffälliger als Retriever)

·         Trainingsmethoden  (positive Strafen und negative Verstärkung erhöhten das Risiko)

Fazit der Forscher: das Risiko, dass ein Hund aggressiv reagiert ist nicht über die Rassezugehörigkeit einzuschätzen.

Quelle: VETimpulse, 23. Jahrgang, Ausgabe 4, Februar 2014

Klein, aber oho!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sind große Hunde wirklich „gelassener“ als kleine?

Größe macht gelassen, und kleine Hunde überschätzen sich oft. Vermutlich das Ergebnis von genetischen und erzieherischen Unterschieden.

Der sogenannte Wachstumsfaktor IGF1 begrenzt das Wachstum von kleinen Hunderassen . Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, mit bestimmtem Verhaltensweisen, nämlich Kühnheit und Wagemut verbunden. Kleine Hunde sind eindeutig schneller erregbar und verhalten sich eindeutig eher dominant als submissiv (also sich zu unterwerfen). Vielleicht hängt das mit der eingeschränkten Kommunikationsbandbreite (vor allem der Mimik) zusammen, die ihre spezielle Kopfform (großer Kopf, das nennt sich „Kindchenschema“) mit sich bringt. Wenn der Halter eines kleinen Hundes dann noch das Kindchenschema in seiner - nicht immer konsequenten- Erziehung berücksichtigt („Der ist ja sooo klein“), dann treten einige unerwünschte Verhaltensweisen auf. Trennungsangst, aufmerksamkeitserregendes Verhalten und der manchmal von Hundehaltern beschriebene „Größenwahn“.

Die sehr positive Auswirkung des größeren Schädels bei kleinen Hunden ist, dass sie sehr schnell lernen. Hunde mit kurzer Nase können menschliche Signale auch besser wahrnehmen und ihr Mittelhirn, das optische Reize verarbeitet, hat einfach mehr Platz zur Verfügung. 

Quelle: VETimpulse, 23. Jahrgang, Ausgabe 15, 1. August  2014

 

Eine online Befragung aus den USA (2008) zeigt, dass Dackel, Chihuahua, Beagle, Cocker Spaniel und Jack Russel Terrier verhätlnismäßig oft Fremde oder ihre Besitzer beissen.

http://www.spiegel.de/fotostrecke/grafiken-aggressivitaet-und-angst-bei-hunden-fotostrecke-33197.html

Kann man aggressive Hunde mit Medikamenten behandeln?

Thyroxin wird als ein möglicher Therapieansatz für ängstlich-aggressive Hunde, panische und lernbehinderte Hunde diskutiert. Die Ursache soll eine subklinische Hypothyreose sein, die gut auf Thyroxin anspräche.

Schlanke und agile Hunde, die schnell unter Stress stehen, niedrige T4-Werte (Schilddrüsenhormone) in der Blutuntersuchung haben, die hektisch sind aber dennoch keine klinisch erkennbare Schilddrüsenproblematik zeigen, reagieren teilweise mit positiven Verhaltensänderungen auf die Gabe von Thyroxin.

Das klingt eher paradox, denn eine klassische Hypothyreose (Unterfunktion der Schilddrüse) zeigt sich in lethargischem (wenig aktivem) Verhalten. Fachleute verneinen das Vorhandensein von“ subklinischen Hypothyreosen“, und fordern beschriebene Verhaltensänderungen  eindeutiger zu definieren.

Quelle: VETimpulse,  Ausgabe 13, 01.Juli 2012

Wie ist die Rechtslage, wenn ein aggressiver Hund eingeschläfert werden soll?

Die Tötung eines gefährlichen Hundes kann angeordnet werden, aber die Verhältnismäßigkeit muss gewahrt werden. In Einzelfall muss daher entschieden werden, ob eine Prüfung (z.B. ein Wesenstest) durchgeführt wird.

Ein Hund, der unter strittigen Umständen einen anderen Hund angegriffen hatte, sollte behördlich angeordnet euthanasiert werden, weil der andere Hund an den Folgen des Angriffes verstarb. Die Halterin legte Widerspruch ein. Die aufschiebende Wirkung hat das Frankfurter Verwaltungsgericht folgendermaßen bestätigt: „Die Tötung eines Hundes nach § 14 Abs. 2 Satz 1 HundeVO kommt erst dann als erforderliches Mittel in Betracht, wenn feststeht, dass dieser Hund seinem Wesen nach ein Gefahrenpotential für Leben oder Gesundheit von Menschen oder Tieren birgt. Dies wird ohne eine Wesensprüfung innerhalb eines Erlaubnisverfahrens nach §3 Abs. 1 Satz 1 Nr.4 i.V. m. § 7 HundeVo schwerlich zu beantworten sein.“

Quelle: VETimpulse, 23. Jahrgang, Ausgabe 11, 1.Juni 2014

Beeinflusst eine Kastration aggressives Verhalten?

Hier gehen die Meinungen auseinander, vermutlich wird eine Hündin ihre Welpen oder das „Revier“, in dem sie ihren Wurf aufziehen will, heftig verteidigen. Verhaltensweisen, die aber eindeutig nicht durch Sexualhormone beeinflusst werden, bleiben unverändert. Generell gilt: liebevolle aber konsequente Erziehung ist wichtiger und wirksamer als die Kastration.

 


2 Kommentare

default Am 04.08.2015 antwortete Expertenteam:

Hallo Nadine,

das Gute ist, dass du den Schwachpunkt von Pino kennst und bereit bist, frühzeitig dagegen etwas zu tun.

"Fremde Kinder" gehören nicht zum Rudel (und haben keinen Welpenschutz), daher kann es durchaus sein, dass Pino mit den eigenen Kindern in seinem Mensch - Hund - Rudel komplett anders umgeht. Auf jeden Fall besteht eine Chance dazu.

Jeder Hund, auch die, die mit fremden Kindern neutral oder positiv sind, müssen sich auf Neuzuwachs erst einmal einstellen, denn Babys machen Lärm, riechen und erheben Anspruch auf die Aufmerksamkeit der „Eltern“. Das kann für Hunde durchaus stressig sein.

Umso wichtiger ist es, den Hund positive Erlebnisse  mit dem Baby verbinden zu lassen. Also keine "Hundezeit" extra einplanen, wenn das Baby endlich mal schläft, oder anderweitig "weg" ist, weil Hunde gute Beobachter sind. "Frauchen hat immer Zeit für mich", wenn der kleine Mensch dabei ist - damit verknüpfen sich in der Wahrnehmung des Hundes Baby und Wohlfühlen miteinander und genau so soll es sein.

(Klingt plump, aber ist bestimmt wirksam: gib Pino nur dann zu fressen, wenn das Baby auf deinem Arm ist. Häufiges Händewaschen danach ist selbstverständlich, aber nach ein paar Wochen können auch Neugeborene sehr gut mit Umgebungskeimen klarkommen, deshalb sollte man sich wegen Hund und Schmutz nicht zu verrrückt machen)

Neugeborene sind für Hunde also gewöhnungsbedürftig, Krabbelkinder erst recht, weil sie alles anfassen wollen und noch grobmotorisch sind, d.h. sie kneifen den Hund ohne böse Absicht oder ziehen sich an seinem Fell hoch. Dass ein Hund dann das Weite sucht, ist verständlich. Gut, dass er sich zurückzieht,  statt sich zu wehren. Wenn das Krabbelkind dem Hund dann allerdings ins Körbchen hinterherkrabbelt, dann kann es problematisch werden, jetzt ist „Deeskalation“ durch die Eltern angesagt: die beiden müssen getrennt werden. 

Beißunfälle kommen meistens nicht aus heiterem Himmel. Sie passieren, wenn die Eltern nicht aufpassen, die Signale des Hundes falsch einschätzen und nicht rechtzeitig gegensteuern. Dazu müssen sie anwesend sein – Kinder und Hunde bitte nicht allein lassen. Bis zum Vorschulalter können Kinder das Verhalten des Hundes  nicht richtig einschätzen, geschweige denn ihr Verhalten anpassen.

Für die Zeit jetzt, ist daher der beste Rat: der Hund sieht den Neuzugang als eine großartige Bereicherung, weil man nur gemeinsam tolle Sachen macht (siehe oben) und die beiden bitte niemals alleine lassen.

Am 03.08.2015 kommentierte Nadine :

Sorry das sollte unkastrierter parson russell heissen :)

Am 03.08.2015 kommentierte Nadine Heinrichs :

Was kann ich denn tun wenn mein Hund (3 jähriger unlauterer Pardon russell terrier) hochgradig aggressiv auf kleine Kinder reagiert? Wir haben selber einen großen Kinderwunsch aber pino ist wirklich schwierig :(


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